Wildnis und Wildnisgebiete
Bei dem Begriff Wildnis ist man spontan geneigt, zunächst an ausgedehnte, vom Menschen völlig unberührte Landschaften zu denken, wie sie in Ansätzen in Kanada, Sibirien, Amazonien oder der Antarktis noch existieren. So hat sich denn auch dieser Begriff aus den Erfahrungen, dem Erleben der Urlandschaften der Neuen Welt im 18. und 19. Jahrhundert als Gegenpol zu den vertrauten Kulturlandschaften Mitteleuropas entwickelt. Die Ideen mündeten in einer regelrechten "Wilderness"-Bewegung in Nordamerika und führten dort beginnend in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Ausweisung der ersten Nationalparks.
Dabei ist es selbstverständlich, dass es sich bei Wildnis um eine "typische menschliche Denkfigur" handelt, die nur im Kontrast zur vom Menschen gestalteten Kulturlandschaft bewusst wahrgenommen werden kann. Vor diesem Hintergrund lassen sich "Wildnis" bzw. "Wildnisgebiete", die zur Bewahrung von ursprünglicher Wildnis dienen, wie folgt definieren:
Ausgedehntes ursprüngliches oder leicht verändertes Gebiet, das seinen ursprünglichen Charakter bewahrt hat, eine weitgehend ungestörte Lebensraumdynamik und biologische Vielfalt (inkl. der Spitzenprädatoren) aufweist, in dem keine ständigen Siedlungen sowie sonstige Infrastrukturen mit gravierendem Einfluss existieren und dessen Schutz und Management dazu dienen, seinen ursprünglichen Charakter zu erhalten.
Es ist dabei jedoch völlig unbestritten, dass es zumindest in weiten Teilen Mitteleuropas und speziell in Deutschland heute insgesamt fast keine Bereiche mehr gibt, die der ursprünglichen Wildnis entsprechen. Somit können nur noch in Einzelfällen solche Reste von ursprünglicher Wildnis im engeren Sinne erhalten werden. Notwendig und zielführender erscheint es daher, künftig Räume zur Verfügung zu stellen und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Wildnisentwicklungsgebiete entstehen können, in denen (künftig) solche Prozesse wieder vermehrt ablaufen bzw. zugelassen werden sollen und auch können.
Ein zentrales Problemfeld aus Naturschutzsicht ist, dass natürliche dynamische Prozesse besonders seit dem Beginn der Industrialisierung und mit einem ganz besonderen Schub seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in Mitteleuropa systematisch aus der Landschaft eliminiert worden sind.
Besonders augenfällig ist diese Entwicklung an den Flüssen und Bächen. Aber auch in vielen anderen Lebensraumtypen wird eine natürliche Entwicklung heute kaum noch zugelassen.
So sind die Meeresküsten weitgehend entweder eingedeicht oder mit sonstigen Küstenschutzmassnahmen versehen. Aber auch die als noch weitgehend ökologisch intakt angesehenen Waldökosysteme unterliegen nur in Ausnahmefällen einer natürlicher Entwicklungsdynamik. Durch den Einfluss grosser Pflanzenfresser wiesen ursprüngliche Wälder zudem in ihrer Gesamtheit oder doch in wesentlichen Teilen einen offeneren Charakter auf als dies für heutige forstlich überprägte Wälder in Mitteleuropa gilt.
Hieraus erklärt sich auch, dass eine grosse Zahl der als typisch für Wälder eingestuften Arten eigentlich Waldrandarten sind. Dies gilt für viele Vögel, epigäische Arthropoden (Käfer) und Totholzbesiedler, von denen heute viele Arten stark gefährdet sind. Insgesamt kann man feststellen, dass es kaum Wildnisgebiete in Deutschland gibt, die als natürlich oder einer natürlichen Entwicklung überlassen bezeichnet werden können.
Natürliche Prozesse sind jedoch für viele Arten besonders bedeutsam und somit ist ihr Schutz oder ihre Wiederzulassung ein wesentliches Ziel des Naturschutzes. Dies spiegelt sich auch im Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) wider und hier besonders im § 24 (Nationalparke), in dem dort der Schutz natürlicher Entwicklungen ausdrücklich als das zentrale Ziel für diesen Schutzgebietstyp fixiert ist.