Nationalparks
Nationalparks repräsentieren in Deutschland ein nationales Naturerbe. Per Definition sind dies: "einheitlich zu schützende Gebiete, die grossräumig und von besonderer Eigenart sind, in einem überwiegenden Teil ihres Gebiets die Voraussetzungen eines Naturschutzgebiets erfüllen und sich in einem überwiegenden Teil ihres Gebiets in einem vom Menschen nicht oder wenig beeinflussten Zustand befinden oder geeignet sind, sich in einen Zustand zu entwickeln oder in einen Zustand entwickelt zu werden, der einen möglichst ungestörten Ablauf der Naturvorgänge in ihrer natürlichen Dynamik gewährleistet."
Soweit es der Schutzzweck erlaubt, sollen Nationalparke auch der wissenschaftlichen Umweltbeobachtung, der naturkundlichen Bildung und dem Naturerlebnis der Bevölkerung dienen. Wirtschaftliche Nutzungen der natürlichen Ressourcen durch Land-, Forst-, Wasserwirtschaft, Jagd oder Fischerei sind folglich weitgehend auszuschliessen bzw. nur unter strikten Vorgaben der Naturschutzbehörden möglich. Nationalparkregionen stehen bei den Deutschen hoch im Kurs und tragen nachweislich zum Tourismusaufkommen bei.
Die meisten der bestehenden deutschen Nationalparke sind derzeit noch "Entwicklungs-Nationalparke", d.h. sie erfüllen erst in Teilen die Kriterien für eine grossflächige, ungestörte Naturentwicklung. Durch weitere geeignete, in Managementplänen festgelegte Steuerungsmassnahmen sollen innerhalb von 20 bis 30 Jahren die Voraussetzungen geschaffen werden, damit künftig in einem überwiegenden Flächenanteil der Gebiete den natürlichen und dynamischen Abläufen in der Natur Vorrang eingeräumt werden kann. Es soll die Ökologische Unversehrtheit eines oder mehrerer Ökosysteme sichern, diesem Ziel abträgliche Nutzungen ausschliessen und Naturerfahrungs-, Forschungs-, Bildungs- und Erholungsangebote fördern.
Im Januar 2004 wurden die Nationalparke Eifel (NW) und Kellerwald-Edersee (HE) neu ausgewiesen. Bei diesen beiden Gebieten handelt es sich überwiegend um Waldökosysteme, die bisher im Nationalparksystem Deutschlands unterrepräsentiert waren. Die Ausweisung des Nationalparks Eifel trägt insbesondere im atlantischen Bereich zum Lückenschluss im bundesweiten Grossschutzgebietssystem bei.
Ein fachliches Ziel ist der Schutz bzw. die Wiederherstellung intakter Lebensräume für Luchs www.luchs-in-hessen.de (öffnet ein eigenes Fenster), Wildkatze, Biber und verschiedene Wald-Fledermausarten. Im Nationalpark Kellerwald-Edersee mit seinen geschlossenen Buchenwäldern wird es möglich sein, schon kurzfristig ca. drei Viertel der Fläche der natürlichen Entwicklung zu überlassen.
Mit der Gründung des ersten Nationalparks im Yellowstone-Gebiet (USA) wurde 1872 die Idee geboren, einen grossflächig-segregativen Natur- und Landschaftsschutz als nationalstaatliche Aufgabe zu etablieren. Seither werden mit dem Begriff Nationalpark gemeinhin eine intakte Natur, unberührte Wildnis, eine einzigartige Fauna und Flora sowie grossartige Landschaftsbilder in Verbindung gebracht.
Erst seit 1970, als der Nationalpark Bayerischer Wald ins Leben gerufen wurde, gibt es in Deutschland Nationalparke. Mit der deutschen Wiedervereinigung und dem Inkrafttreten des Nationalparkprogramms der DDR setzte nach 1990 ein regelrechter Entwicklungsschub von Nationalparken und anderen Grossschutzgebieten ein. Deutschlands Nationalparke sind hauptsächlich zentrifugal verteilt und befinden sich in Grenznähe – bis auf die Nationalparke Harz, Hainich und Edersee-Kellerwald, die sich in der inneren Peripherie von Mittelgebirgsregionen befinden.
Nahezu alle liegen in strukturschwachen Randgebieten mit geringer Bevölkerungsdichte. Im Jahr 2004 verzeichnet Deutschland 14 Nationalparke, die – wenn man Watt- und Wasserflächen an Nord- und Ostsee herausrechnet – eine Fläche von über 2 000 km² und damit nur weit weniger als ein Prozent des Territoriums Deutschlands einnehmen. 12 der 14 bestehenden Nationalparke sind seit 2003 international als Nationalparke der IUCN-Kategorie II eingestuft – nur die beiden Nationalparke Kellerwald- Edersee und Eifel entsprechen der IUCN-Kategorie V („Protected Landscape„).
Zu den Managementkriterien der IUCN zählen Unversehrtheit, Schutz und ungestörte Entwicklung von Ökosystemen mit dem Ziel des Erhalts der Biodiversität usw. Kritik ist darin begründet, dass in nahezu allen deutschen Nationalparken Nebennutzungen vorhanden sind, die zum Teil gravierende Eingriffe in Landschaftshaushalt und Ökosysteme mit sich bringen. Hierfür sind nicht zuletzt die Eigentumsverhältnisse verantwortlich, da mit der Zahl der privaten bzw. gebietskörperschaftlichen Eigentümer der Umfang der Raumnutzungsfunktionen steigt.
Deshalb wird diesbezüglich in Deutschland auch von sog. Entwicklungsnationalparken gesprochen. Die Idee der Nationalparke war ursprünglich vor allem durch landschaftsästhetische Gesichtspunkte, das Interesse an der Bewahrung von für die nationale Identität bedeutenden Gebieten, aber auch durch touristische Motive bestimmt. So gehörten in Nordamerika die transkontinentalen Eisenbahngesellschaften zu den Hauptverfechtern des frühen Nationalparkgedankens.
Nicht zuletzt regionalökonomische Interessen waren es auch, die z.B. zur Gründung des Nationalparks Bayerischer Wald geführt haben. Hier wurde und wird, wie es Ähnlich auch einer der jüngsten deutschen Nationalparke, der Hainich, dokumentiert, die Bedeutung der Nationalparke als Vermarktungsinstrument endogener Naturraumpotenziale strukturschwacher Regionen gesehen. Vor dem Hintergrund des wachsenden Umweltbewusstseins und der daraus resultierenden breiteren Akzeptanz des der Natur immanenten Wertes sind für die Ausweisung von Nationalparken in den letzten Jahren zunehmend Ökologische Gründe in den Vordergrund getreten – Repräsentativität statt Seltenheit, Biodiversität statt Schönheit, Prozessschutz statt Identifikationsobjekt.
Nationalparke sollen die wichtigsten natürlichen Lebensräume eines Landes repräsentieren. Dieser Status ist für Deutschland noch nicht erreicht. So sind beispielsweise die Feucht- und Moorgebiete der Niederungen Nordwest- und Süddeutschlands bislang ausgespart.
Diese Problematik verdeutlichen die meist von Naturschutz-Interessenverbänden eingebrachten Vorschläge zur Ausweisung weiterer Nationalparke. Das Prädikat Nationalpark ist in der Regel äusserst positiv besetzt, es fungiert als Markenzeichen für intakte Naturlandschaft, eine Eigenschaft, die zu den bedeutendsten Wettbewerbsfaktoren im Tourismus zählt. Zudem stehen Nationalparke für authentisches Naturerlebnis und können damit eines, entsprechend den zukünftigen Tourismustrends, der wichtigsten 17 Reisemotive darstellen.
Problematisch erscheint, dass wegen einer unzureichenden Kommunikationspolitik viele Besucher den Status des besuchten Schutzgebietes gar nicht kennen. Andererseits positionieren viele deutsche Nationalparkregionen sich in ihrer Aussendarstellung kaum mit dieser Singularität. Erst das UN-Jahr des Ökotourismus 2002 und das damit verbundene DZT-Aktionsjahr „Lust auf Natur„ haben die deutschen Nationalparke stärker ins Bewusstsein der Tourismusbranche gerufen.
Bei einer Destinationsanalyse der deutschen Nationalparkregionen wurde ersichtlich, dass gerade die strukturschwachen und touristisch noch unterentwickelten Regionen (z.B. Hainich) stark auf das Prädikat Nationalpark als Zugpferd setzen. Umgekehrt spielt der Nationalpark in touristisch sehr stark entwickelten traditionellen Destinationen (z.B. Berchtesgaden), die bereits lange vor der Nationalparkgründung landschaftsbezogenen Tourismus aufwiesen, nur eine untergeordnete Rolle. Neben diesen beiden extremen Typen gibt es touristisch durchschnittlich bis stark entwickelte Regionen, die aufgrund einer besonderen Nationalparkorientierung eindeutig eine Destination Nationalpark darstellen (z.B. Bayerischer Wald).
Nationalparke sollen in erster Linie dem ungestörten Ablauf von Naturvorgängen (Naturschutz als Prozessschutz) dienen sowie Forschung ermöglichen und Angebote für Umweltbildung und Naturerlebnis bereitstellen. Damit treffen naturschützerische und touristische Interessen unweigerlich aufeinander. Der Tourismus birgt dabei sowohl Chancen als auch Risiken für die Nationalparke.
Die Beeinträchtigungen der Natur sind letztendlich abhängig von Zeitpunkt und -dauer, Ort, Art und Intensität der touristischen Nutzung sowie von der Empfindlichkeit bzw. Belastbarkeit und – nicht zuletzt – des Regenerationsvermögens des betroffenen Gebietes. Zahlreiche Studien zum Thema Nationalparktourismus machen Ökologische Auswirkungen insbesondere von der Durchführung von Besucherlenkungsmassnahmen abhängig, denn erst der ungelenkte Massentourismus stellt für die meisten Nationalparke eine gravierende Belastung, ja mitunter sogar eine Bedrohung des Schutzzieles dar. Ziel muss es deshalb sein, die Besuchermassen zu lenken, eventuell zu beschränken und im Nationalparkvorfeld abzupuffern. Nationalparke benötigen den Tourismus, um ihren im Nationalparkgesetz verankerten Bildungsauftrag umfassend wahrnehmen zu können.
Der Trend zum Naturerlebnis und die Sehnsucht nach „intakter Natur„ bietet Nationalparken dabei die Chance, das nach wie vor sehr verschwommene Naturverständnis unserer Gesellschaft in Richtung eines ganzheitlichen Natur-/ Umweltbewusstseins und des Nachhaltigkeits-Paradigmas auszuweiten. Dazu müssen die Vorgänge des Werdens und Vergehens im natürlichen Kreislauf in den Nationalparken – zumindest teilweise – auch für die Menschen erlebbar werden und bleiben. Auch daher entwickeln Nationalparke, z.T. in Kooperation mit Reiseveranstaltern, verstärkt erlebnisorientierte Angebote im Sinne von „Edutainment„ (Education + Entertainment), die insgesamt die zunehmende Trendwende von ehemals restriktiv-prohibitiven zu mehr offensiv-angebotsorientierten Ansätzen im Naturschutz zeigen.
Gerade die Nationalparkregionen können mit ihrem einzigartigen Naturangebot wichtige in den letzten Jahren aufgekommene Urlaubsmotive und Trends befriedigen. So zählt der Trend zum Urlaubserleben in intakter Landschaft als wichtige Strömung in den 1990er Jahren. Für die nächste Zukunft wird auch die zunehmende Bedeutung der Umweltqualität, sowohl aufgrund des gestiegenen Umweltbewusstseins, aber vor allem angesichts des persönlichen Nutzens gewichtet: „Intakte Umwelt wird primär im Interesse um einen gesunden Urlaub gesucht (…)„
Ebenso lässt sich die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und Authentizität als Gegenreaktion auf die künstlich bzw. anthropogen überformte Umwelt erklären. „Mehr als je zuvor wird die Natur gesucht als Kontrast zu urbanen Lebenswelten, auch als Gegensatz zum standardisierten High-Tech-Tourismus der Resorts, Clubs und Camps. Viele Menschen sehnen sich in ihr gerade nach dem anderen Leben, dem anderen Umgang mit sich selbst und der Landschaft.
Aber auch hier gilt „high-touch„: Emotionalität, Spass, attraktive Erlebnisse und Qualität der Angebote sind die Leitbegriffe, um Touristen heute als Liebhaber von Natur und als Botschafter für den Naturschutz zu gewinnen„. So kommt eine, 1998 vom EMNID-Institut im Auftrag der Umweltstiftung WWF Deutschland durchgeführte, repräsentative Quellgebietsbefragung zu dem Ergebnis, dass für 72 % der fast 2 000 bundesweit befragten Personen die Nationalparkregionen generell ein bevorzugtes Urlaubsziel darstellen. Daraus folgert der WWF: „ähnlich wie andere, so genannte ‚neue′ Destinationen, erhalten Nationalparke allmählich den Status eines eigenständigen Reisegebietstyps."
Mit dem Prädikat „Nationalpark„ verfügen solche Destinationen über eine amtlich sanktionierte Unique Selling Proposition (USP), welche in Verbindung mit passenden buchbaren Angeboten einen einzigartigen Verkaufs- bzw. Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Natur- Destinationen bietet, denn Nationalparke …
… werden aufgrund des höchstmöglichen Schutzstatus als Garanten für eine intakte Naturlandschaft wahrgenommen.
… schaffen ein positives Image für die Region bei den Besuchern.
… wird aufgrund ihres seltenen Vorkommens (von in etwa ein Prozent der Landfläche Deutschlands) eine monopolähnliche Marktstellung zugeschrieben, sie können als knappes wirtschaftliches Gut angesehen werden.
… sind als Ressource aufgrund der standortgebundenen, staatlichen Ausweisung nicht transferierbar oder imitierbar.
… weisen eine echte Kernkompetenz auf, indem sie „Natur pur„ erlebbar machen.
… stehen für eine hohe Umweltqualität, eine umgangssprachlich ausgedrückt „gesunde Umwelt„. Damit erfüllen sie einen bedeutsamen Kundennutzen und bieten die Grundlage für einen der wichtigsten Tourismustrends.
… erlängern die Saison, da auch die Jahreszeiten ausserhalb der grossen Ferien für Besucher aus naturkundlichem Interesse attraktiv sind bzw. dementsprechend inszeniert werden können (z.B. durch Naturevents wie „Ringelganstage„ oder „Kranichwochen„).
So können Nationalparkregionen Leistungen anbieten, deren Qualität von konkurrierenden Regionen ohne Nationalparke kaum zu kopieren ist. Insofern könnten Nationalparke auch als Entwicklungschance und Wettbewerbsvorteil verstanden werden, wenn sich die – durch die nachbarschaftliche Lage mitunter besonders benachteiligten – Anrainergemeinden gemeinsam als „Destination Nationalpark„ verstünden und am Markt positionierten. Daraus resultiert die Forderung Nationalparke nicht isoliert, gewissermassen als Sperrgebiete, innerhalb der Region zu sehen, sondern sie in die regionalen Wirtschaftskreisläufe sowie Planungen soweit zu integrieren, dass einerseits die Schutzgebietsinteressen nicht vernachlässigt werden und andererseits die kommunalen Interessen, insbesondere die der Anrainergemeinden, deutlicher zur Diskussion kommen.