Innovation und Beschäftigung
Durch die mehrere Millionen Jahre währende Entwicklung hat die Natur für die unterschiedlichsten Fragestellungen optimale Lösungen entwickelt, die als Vorbild für Innovation, technische und organisatorische Entwicklungen verwendet werden können. Das Wissen um und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt ist und bleibt ein Schlüssel für eine moderne zukunftsfähige gesellschaftliche Entwicklung.
Viele Einkommen und Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt von Natur und Landschaft ab. Gerade in einer Gesellschaft, die sich zu einer Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft entwickelt, besteht hier ein grosses Potenzial für neue Beschäftigungsmöglichkeiten. Dabei kommt es auch darauf an, dass diese Beschäftigungsmöglichkeiten von Transferleistungen möglichst unabhängig sind.
Biologische Vielfalt ist eine wichtige Basis für Forschung, Entwicklung und technische Innovation. In der Grundlagen- und medizinischen Forschung sind verschiedene Arten unersetzlich.
Biologische Vielfalt nutzen die Menschen seit Jahrtausenden gezielt. Neben ihrer Rolle als Produzenten von Nahrung erlauben Pflanzen auch die Synthese und Gewinnung verschiedener organischer Chemikalien und Polymeren, die für die Industrien wichtige Ausgangsstoffe darstellen. Um hierbei auch auftretende Fragen der Flächenkonkurrenz zwischen dem Anbau von Nahrungs-, Rohstoff- und Energiepflanzen zu lösen, müssen neue spezielle Nutzungskonzepte entwickelt werden. Die biologische Vielfalt wird benötigt, um auf zukünftige Herausforderungen wie Klimawandel, Energiebedarf, nachhaltig gewonnene industrielle Rohstoffe und eine gesunde und sichere Ernährung reagieren zu können.
Zunehmend ist die weltweite biologische Vielfalt durch Bevölkerungswachstum, veränderte Ernährungsgewohnheiten und nicht nachhaltige, intensiver und teilweise einseitiger Landbewirtschaftung bedroht. Von den bekannten mehr als 30.000 essbaren Pflanzen werden nur noch rund 150 für die menschliche Nahrung verwendet und feldmässig angebaut.
Genbanken wie z. B. am Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben und botanischen Gärten übernehmen zunehmend eine wichtige Rolle bei der Erhaltung, Erforschung und Nutzbarmachung der natürlichen Diversität. Moderne Biowissenschaften und Biotechnologie erforschen und nutzen die biologische Vielfalt und stellen ein wichtiges Instrument im Kampf gegen Hunger und Mangelernährung dar. Ihre Aufgabe besteht u. a. darin, Lösungen für die Ernährung der stetig wachsenden Weltbevölkerung bei gleich bleibender oder abnehmender Nutzfläche zu finden, die auch zu verringerten Umweltauswirkungen führen.
Die Biotechnologie bietet auch die Möglichkeit, den Einsatz von Kulturpflanzenarten für andere Zwecke als Lebensmittel zu verbessern, so etwa als Rohstoffe für die Industrie oder als neue Werkstoffe wie biologisch abbaubare Kunststoffe. Pflanzliche Rohstoffe können molekulare Bausteine und komplexe Moleküle für die verarbeitende Industrie, den Energiesektor und die pharmazeutische Industrie liefern. Biomasse kann darüber hinaus zur alternativen Energieversorgung beitragen, mit festen und flüssigen biologischen Brennstoffen wie Biodiesel und Bioethanol sowie durch Prozesse wie die Bioentschwefelung.
Ein weiterer Ansatzpunkt für die Nutzung der biologischen Vielfalt ist die Bionik. Diese versucht systematisch, biologische Konstruktionen und Verfahren in eine technische Nutzung zu übertragen. Viele Lösungen aus der Natur sind geradezu genial. Sie erreichen sehr hohe Energieausnutzungsgrade und ermöglichen vollkommenes Recycling. Wir stecken erst in den Anfängen, diese Lösungen zu verstehen und in Anwendungen in technischem Massstab umzusetzen. Beispielsweise beträgt die Energieausnutzung für die Lichtproduktion beim Glühwürmchen 99 Prozent. Es ist noch nicht gelungen, dieses "kalte" Licht technisch zu erzeugen.
In anderen Fällen hat das Vorbild Natur schon zu technisch innovativen Lösungen geführt: Die Technologieentwicklung am Beispiel der Natur ist ein Wachstumsmarkt der Zukunft. Spitzentechnologien versprechen neben wissensintensiven Dienstleistungen die grössten Wachstumsperspektiven bei Produktivität und Wertschöpfung.
Ein bedeutendes Naturkapital stellen auch die über die Jahrhunderte von Bauern und Bäuerinnen sowie Züchtern aus wildlebenden Arten entwickelten Kulturpflanzen und landwirtschaftlichen Nutztiere sowie die vor allem lebensmitteltechnologisch, aber z. B. auch als biologische Pflanzenschutzmittel eingesetzten Mikroorganismen und anderen Kleinlebewesen dar. Die Erhaltung dieser genetischen Ressourcen ist eine Grundvoraussetzung für weitere Züchtungsfortschritte und Innovationen im Hinblick auf veränderte Anforderungen an Produkte, neuartige Verwendungen von Produkten, z. B. als nachwachsende Rohstoffe, und im Hinblick auf nachhaltigere Nutzungssysteme.
Auch die Erhaltung und Förderung der mit der agrarischen Erzeugung assoziierten Lebewesen und Ökosystemfunktionen, wie z. B. die für die Bodenfruchtbarkeit wichtigen Bodenorganismen und die Bestäuberfunktion von Insekten, haben für die Leistungsfähigkeit der agrarischen Erzeugung eine grosse Bedeutung.
Die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt bietet Beschäftigungsmöglichkeiten in einer Vielzahl von Branchen und Tätigkeitsbereichen: vor allem Naturschutz, Landschaftspflege und -planung, Land- und Forstwirtschaft, Tourismus, Sport, Erholung, Fischerei, Pharmaindustrie, Biotechnologie, Energiewirtschaft, Bauwirtschaft, Handel, Forschung und Bildung. In der Landschaftspflege sind in Deutschland mindestens 20.000 Menschen beschäftigt. Im beruflichen Naturschutz arbeiten ca. 12.000 Menschen.
Auf ca. 25 % der landwirtschaftlichen Fläche werden Agrarumweltmassnahmen durchgeführt, die für die Landwirtschaft vor allem in strukturschwächeren Regionen eine zunehmende Bedeutung für die Existenzsicherung haben. Ohne Agrarumweltmassnahmen sind insbesondere Betriebe auf Grenzertragsstandorten mit hohem Naturschutzwert gefährdet. Im Ökolandbau gibt es in Deutschland ca. 30.000 Beschäftigte. Insgesamt ist die Zahl der Arbeitsplätze im ökologischen Anbau, der Weiterverarbeitung und dem Handel dieser Produkte mittlerweile auf ca. 150.000 angestiegen und hat sich damit seit 1995 verdoppelt.
Die Vermarktung naturgerecht hergestellter regionaler Produkte und Dienstleistungen ist ein derzeit noch kleiner, aber dynamisch wachsender Sektor, in dem Premium-Produkte mit hoher regionaler Wertschöpfung vermarktet werden. Hohe Produktqualität, besondere Produktionsrichtlinien und der Bezug zu Natur und Landschaft der Region sichern Alleinstellungsmerkmale im globalen Wettbewerb. Nach Angaben des Deutschen Verbandes für Landschaftspflege stieg die Anzahl der Regionalvermarktungsprojekte und -initiativen zwischen 1996 und 2004 von 102 auf ca. 450.
Ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt ist die Erschliessung des Beschäftigungs- und Wertschöpfungspotenzials der Züchtungsforschung bei Nutzpflanzen. Besonderes Innovationspotenzial besteht bei der Evaluierung und Nutzung der genetischen Ressourcen, der Erweiterung des Kulturartenspektrums sowie der Verbesserung der Eigenschaften der Kulturpflanzen (z. B. Resistenzzüchtung). In Deutschland sind rund 12.000 Arbeitsplätze in Pflanzenzüchtung und Saatgutproduktion von innovativen und wettbewerbsfähigen Produkten abhängig, ebenso wie die mehr als halbe Million Arbeitsplätze in der Landwirtschaft sowie die 4 – 5 Millionen im vor- und nachgelagerten Bereich.