Nachhaltige Nutzung
Die biologische Vielfalt ist ein weitgehend öffentliches Gut. Die Beeinträchtigungen aber auch die Förderung der biologischen Vielfalt durch menschliche Aktivitäten wird deshalb nur in ungenügender Weise durch den Markt über geringere oder höhere Preise "bestraft" oder belohnt. Für eine naturverträgliche Wirtschaft ist es erforderlich, mit geeigneten Instrumenten (z. B. Ökonomische Anreize, Information und Aufklärung, Forschung, Kennzeichnung) die Marktkräfte für die Erhaltung der biologischen Vielfalt zu mobilisieren.
Naturverträgliches Wirtschaften: Trotz erkennbarer Erfolge bei den Anstrengungen zur Erhaltung der Artenvielfalt in Deutschland hält die Gefährdung vieler Pflanzen- und Tierarten an. Die Artenvielfalt und die genetische Vielfalt wildlebender Pflanzen- und Tierarten wird insbesondere durch den Schutz ihrer Habitate und Lebensräume erhalten. Bei der Erhaltung reproduktionsfähiger Populationen spielen der Biotopverbund und Schutzgebietsnetze eine zentrale Rolle.
Artenschutz und genetische Vielfalt: Der direkte Artenschutz bleibt aber gleichzeitig eine wichtige Aufgabe. Von besonderer Bedeutung sind dabei das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (WA), das Bundesnaturschutzgesetz (fünfter Abschnitt), die Global Strategy for Plant Conservation (GSPC), Artenschutzprogramme (ArtSchPr)und die Taxonomie Initiative (GTI).
Biodiversität und Klimawandel: Die Auswirkungen des Klimawandels auf die biologische Vielfalt machen an Landesgrenzen nicht halt. Der Klimawandel und die damit verbundene Erderwärmung wirkt sich nicht nur auf den jahreszeitlichen Ablauf der Lebensvorgänge von Tieren und Pflanzen, deren Verbreitung und Wachstumsgeschwindigkeit sowie in Änderungen des Verhaltens von Tieren aus. Er ist auch eine Ursache für den Verlust an biologischer Vielfalt. So werden Lebensräume durch den Anstieg des Meeresspiegels und die Verschiebung von Vegetationszonen verändert oder sogar zerstört.
Noch bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts bildeten landwirtschaftliche Nutzflächen wertvolle Lebensräume für eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten des Offenlandes. Für viele Arten dynamischer natürlicher Lebensräume wie z. B. Flussauen waren sie wichtiger Ersatzlebensraum. Die Landwirtschaft hat viele heute schützenswerte Biotoptypen und Strukturen geschaffen, die landschaftsprägend waren und vielen Arten Lebensraum boten.
Durch die Intensivierung der Landwirtschaft und die Nutzungsaufgabe von Grenzertragsstandorten verschwanden vor allem extensiv genutzte Agrarökosysteme und mit ihnen die an sie angepassten genutzten und wildlebenden Tier- und Pflanzenarten. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass wesentliche Teile der 1950 typischen Vielfalt durch extensivere Bewirtschaftung und Strukturanreicherung lokal regeneriert werden können. Die Erhaltung der Agrobiodiversität ist ein wesentliches Ziel des übereinkommens über die biologische Vielfalt.
Deutschland beherbergt eine gebietstypische, natürlich und historisch gewachsene Vielfalt an Böden, die ihre Funktionen für Mensch und Natur erfüllen. Sie bieten günstige Lebensbedingungen für die standorttypischen Arten und Lebensgemeinschaften, die in, auf und von den Böden leben. Folgende Bodenfunktionen sind zu schützen:
• die natürliche Funktion als Lebensgrundlage für Menschen, Tiere, Pflanzen und Bodenorganismen, als Bestandteil des Naturhaushalts und als Abbau-, Ausgleichs- und Aufbaumedium für stoffliche Einwirkungen aufgrund der Filter-, Puffer- und Stoffumwandlungseigenschaften,
• die Archivfunktion als Archiv der Natur- und Kulturgeschichte,
• die Nutzungsfunktion als Voraussetzung für verschiedenste menschliche Tätigkeiten.
Jagd und Fischerei sind die beiden wichtigsten Nutzungsbereiche wildlebender Tierarten. Die Jagd umfasst den Schutz und die nachhaltige Nutzung wildlebender Tierarten. Sie ist in der Kulturlandschaft zur Vermeidung erheblicher ökonomischer und ökologischer Schäden notwendig. Sie ist zulässig, soweit der Erhaltungszustand wildlebender Tiere eine nachhaltige Nutzung erlaubt.
Nicht nur die wirtschaftlich interessanten Fischbestände werden in ihrem Reproduktionsvermögen stark beeinträchtigt, auch kommerziell nicht genutzte Fischarten wie z. B. Rochen- und Haiarten, marine Säugetiere, Seevögel sowie empfindliche Bodenlebensgemeinschaften werden durch eine nicht ökosystemverträgliche Fischerei bedroht.
Der Erlebniswert von Natur und Landschaft ist eine Stärke ländlicher Räume; biologische Vielfalt braucht auch ländliche Räume, und ländliche Räume brauchen die biologische Vielfalt. So können z. B. gut gemanagte Grossschutzgebiete wichtige Impulsgeber für die Regionalentwicklung sein. In diesen Gebieten gibt es eindrucksvolle Beispiele nachhaltiger Wirtschafts- und Lebensweisen, die einen wichtigen Beitrag zur Sicherung der biologischen Vielfalt leisten. Naturschutz- und Bildungsmassnahmen sowie Modellprojekte nachhaltiger Nutzung verbessern auch die Lebensqualität und Einkommenssituation der Menschen vor Ort und haben Einfluss auf die soziale und wirtschaftliche Entwicklung des Umlandes.
Verkehrswege führen zu erheblicher Raum- und Ressourcenbeanspruchung. Der Schwerpunkt der Investitionen beim Fernstrassenbau liegt schon jetzt bei Ausbau und Erhaltung, nicht auf dem Neubau. Die Abnahme der biologischen Vielfalt wird dabei u. a. durch den Verlust und die Zerschneidung von Lebensräumen, Verlärmung, Licht- und Schadstoffemissionen bewirkt. Die Durchlässigkeit der Landschaft für die biologische Vielfalt ist in vielen Bereichen der Landschaft nicht mehr gegeben.
Alternative Strategien des Naturschutzes für die Landschaftsentwicklung
Extensiv genutzte Offenlandbiotope
Moderne Entwicklungen der Landbewirtschaftung und veränderte Ökonomische Rahmenbedingungen haben in den letzten Jahrzehnten zu erheblichen Verlusten wertvoller Offenlandbiotope und ganzer durch diese geprägter Landschaften geführt. Von dieser Entwicklung sind besonders auch extensiv genutzte Grünlandbiotope und letztendlich die traditionellen Kulturlandschaften insgesamt betroffen. Ursachen sind einerseits deutliche Rückzugstendenzen der Landwirtschaft, die zu einer grossflächigen Nutzungsaufgabe besonders in diesen bisher extensiv genutzten Bereichen führen werden.
Auf der anderen Seite erfolgen grossflächige Aufforstungen dieser für den Naturschutz bedeutsamen Räume. Aus Sicht des Naturschutzes ist es Äusserst unwahrscheinlich, dass alle früher extensiv genutzten Offenlandbereiche (Feucht- und Niedermoorgrünland, Magerrasen, Sandmagerrasen, Zwergstrauchheiden usw.) mittel- bis langfristig mit traditionellen Konzepten des Naturschutzes (z.B. Biotoppflege, Vertragsnaturschutz) erhalten werden können. Die Gründe hierfür sind vor allem der Rückzug der Landwirtschaft aus diesen Bereichen und die begrenzte Verfügbarkeit von Finanzmitteln für die Biotoppflege.
Entsprechend müssen neue Strategien des Naturschutzes zum Einsatz kommen. Neben fortentwickelten Ansätzen des Biotopmanagements bietet vor allem das Konzepte für die Entwicklung von "halboffenen Weidelandschaften" eine aktuelle Alternative.
Neben dem Ziel der Erhaltung von Offenlandökosystemen der agrarisch genutzten Kutlurlandschaft ist es ein weiteres Anliegen des Naturschutzes, lichte Waldökosysteme und Wald-Offenland-Übergänge zu erhalten oder neu zu schaffen. Solche Lebensräume sind für natürliche und naturnahe Wälder typisch und für viele daran angepasste Tier- und Pflanzenarten überlebenswichtig. Ursprünglich haben sowohl die natürlichen Grossherbivoren-Gemeinschaften als auch natürlich dynamische Prozesse (Waldbrand, Eisbruch, Windwurf usw.) dazu beigetragen, dass solche Bereiche in weit grösserem Umfang als heute entstanden sind.
Bei der Umsetzung kommen dabei grossen Pflanzenfressern eine zentrale Rolle zu. Dies können die natürlicher Weise vorkommenden Arten wie Rothirsch und Wildschwein oder künftig vielleicht Elch und Wisent sein. Geeignet erscheint jedoch auch die Wiedereinführung von Systemen, die an traditionelle Formen der Waldweide angelehnt sind. Um offene und halboffene Bereiche in Wäldern zu schaffen kann es in bestimmten Fällen erforderlich sein, massive Störungen zuzulassen oder aktiv durch Biotopmanagement herbeizuführen. Schliesslich sollten in Wäldern natürliche Prozesse auch dazu führen, dass sich Bestände mit Wildnischarakter vermehrt ausbilden.
Die Förderung von dynamischen Prozessen in der Landschaft ist ein weiteres Anliegen alternativer Strategien des Naturschutzes für die Landschaftsentwicklung. Dies kann zum einen durch das gezielte Eingreifen in etablierte Landschaftsstrukturen erfolgen, in deren Folge Pionierlebensräume neu geschaffen werden. Durch die nahezu flächendeckende wirtschaftliche Nutzung der Kulturlandschaft in Mitteleuropa sind solche Lebensräume insbesondere im letzten Jahrhundert in ihrem Bestand stark rückläufig. Die Vorstellungen für ein solches "Management durch massive Störungen" orientieren sich an natürlich auftretenden Störungen wie z.B. überflutungen, Windbrüche oder Waldbrände.
Zum anderen können natürliche dynamische Prozesse durch die Einrichtung von "Wildnisgebieten" auch in Mitteleuropa gefördert werden. Solche Gebiete sollten sich weitgehend unbeeinträchtigt von menschlichen Einflüssen entwickeln.