Biologische Vielfalt - Daten und Fakten

Die Menschen teilen die Welt mit vielen anderen Lebewesen. Biologische Vielfalt ist eine existenzielle Grundlage für das menschliche Leben: Pflanzen, Tiere, Pilze und Mikroorganismen sind Träger des Stoffkreislaufs – sie reinigen Wasser und Luft, sorgen für fruchtbare Böden und angenehmes Klima, sie dienen der menschlichen Ernährung und Gesundheit und sind Basis und Impulsgeber für zukunftsweisende Innovationen. Nur eine intakte Natur ermöglicht heutigen und zukünftigen Generationen eine hohe Lebensqualität, u. a. durch natürliche Produkte, ein ansprechendes Wohnumfeld und erholsame Landschaften, die gleichzeitig auch Wurzel der regionalen Identität der Menschen sind.

Biologische Vielfalt oder Biodiversität ist letztlich alles das, was zur Vielfalt der belebten Natur beiträgt. Erhaltung der biologischen Vielfalt umfasst den Schutz und die nachhaltige Nutzung. Basis des übereinkommens über die biologische Vielfalt ist es Schutz und Nutzung der Biodiversität stets aus ökologischer, ökonomischer und sozialer Sicht zu betrachten.

Dabei soll die ökologische Tragfähigkeit Massstab der ökonomischen und sozialen Entscheidungen sein. Dies wird im Kontext des übereinkommens als ökosystemansatz bezeichnet. Die Zielsetzung des Bundesnaturschutzgesetzes gilt grundsätzlich auch für die biologische Vielfalt: „Natur und Landschaft sind auf Grund ihres eigenen Wertes und als Lebens­grundlage des Men­schen auch in Ver­ant­wort­ung für die künftigen Generationen im besiedelten und unbesiedelten Bereich so zu schützen, zu pflegen, zu entwickeln und, soweit erforderlich, wieder her­zustellen, dass
• die Leistungs- und Funktions­fähig­keit des Natur­haus­halts,
• die Regenerationsfähigkeit und nach­haltige Nutz­ungs­fähigkeit der Natur­güter,
• die Tier- und Pflanzenwelt einschliesslich ihrer Le­bens­stätten und Lebens­räume sowie
• die Vielfalt, Eigenart und Schön­heit sowie der Er­holungs­wert von Natur und Land­schaft auf Dauer ge­sichert sind.„

Um die Entwicklungsmöglichkeiten zukünftiger Generationen zu gewährleisten, müssen möglichst alle Arten in ihrer genetischen Vielfalt und in der Vielfalt ihrer Lebensräume erhalten werden, auch wenn ihre jeweiligen Funktionen im Naturhaushalt und ihr Nutzen für die Menschen in allen Details heute noch nicht erkannt sind. Mitteleuropa mit seinem gemässigten Klima wird im internationalen Vergleich von deutlich weniger Tier- und Pflanzenarten bevölkert; die Regionen der Erde mit der höchsten Artenvielfalt liegen vorwiegend in den Tropen. Ein grosser Teil der Arten und Ökosysteme, die in Mitteleuropa von Natur aus vorkommen, ist jedoch speziell an die hiesigen Umweltbedingungen angepasst und hat hier seinen weltweiten Verbreitungsschwerpunkt.

Als Träger der charakteristischen mitteleuropäischen Biodiversität sind die hiesigen naturnahen Ökosysteme genauso unersetzlich wie tropische Lebensräume. Grundsätzlich gilt, je höher die genetische Vielfalt ist, desto eher ist die Anpassungsfähigkeit der Arten an sich verändernde Umweltbedingungen gegeben. Dies hat vor dem Hintergrund des bereits stattfindenden Klimawandels eine entscheidende Bedeutung.

Genetische Vielfalt und Anpassungsfähigkeit – ein Beispiel: Untersuchungen des Max Planck Instituts in Plön und des Leibnitz Instituts für Meereswissenschaften in Kiel zeigen, dass genetische Vielfalt die Widerstandsfähigkeit von Lebensgemeinschaften gegenüber globaler Erwärmung erhöhen kann. Es wird angenommen, dass Ökosysteme mit einer natürlichen Vielfalt an Arten Störereignisse (z. B. im Wasser-, Boden-, Lufthaushalt sowie im Nährstoffkreislauf) besser abpuffern können als Ökosysteme, in denen viele Arten bereits ausgestorben sind. Ausserdem erhöht eine grössere Anzahl an Arten die Wahrscheinlichkeit, dass in dem Ökosystem zwei Arten sich funktionell weitgehend decken, so dass die eine bei Wegfall der anderen deren Rolle im Ökosystem übernehmen kann.

Der Zusammenhang zwischen Vielfalt und Pufferkapazität eines Systems ist in anderen Bereichen des menschlichen Lebens eine bekannte Tatsache. Intakte Ökosysteme tragen dazu bei, Katastrophen zu vermeiden bzw. deren Ausmass zu vermindern. Naturzerstörung und -veränderung können dagegen Katastrophen verursachen:
• Begradigung von Flüssen und Verlust von Auwäldern verstärken Hochwasserereignisse.
• Rodungen im Bergwald und übernutzung der Bergökosysteme führen zu Abgängen von Lawinen und Muren.
• Erosionen durch nicht nachhaltige Bodennutzungen in der Landwirtschaft führen zum Verlust fruchtbarer Ackerböden.
• Auftreten von Hochwasser: Mit der Abtrennung grosser Flüsse von ihren Auen durch Deiche gingen die natürlichen Rückhalteräume für Hochwasser zum grössten Teil verloren. Die Strombegradigungen und Bündelungen der ehemals zahlreich verästelten Flussrinnen in einem Hauptstrom führen zur erheblichen Verkürzung der Wasserläufe und damit zu einer Reduzierung des Puffervolumens an Wassermassen

Der Erhaltung der Biodiversität als Bestandteil des sog. Naturkapitals kommt ein immer grösseres Gewicht zu. Die Natur liefert Leistungen, die ohne sie mit erheblichem Aufwand und zu sehr hohen Kosten technisch gelöst werden müssten:
• Je intakter die Selbstreinigungskräfte der Böden und Gewässer, desto einfacher und kostengünstiger ist die Gewinnung von Trinkwasser.
• Je grösser die natürliche Bodenfruchtbarkeit, desto weniger Dünger muss aufgebracht werden.
• Je stärker die Begrünung der Innenstädte, desto mehr Stäube und Schadstoffe werden auf natürlichem Wege aus der Luft gefiltert.

Die pharmazeutische Industrie nutzt ebenfalls die biologische Vielfalt. In Deutschland basieren ca. 50 % der heute gebräuchlichen Arzneimittel auf Heilpflanzen bzw. auf deren Inhaltsstoffen. Etwa 70 bis 90 % der getrockneten pflanzlichen Stoffe werden heute immer noch wild gesammelt. Innerhalb von Europa ist Deutschland der grösste Importeur dieser Stoffe.

Technisch überhaupt nicht zu leisten ist ein Ersatz für die Bestäubung der Kulturpflanzen durch Insekten. Ebenso wenig kann gleichwertiger künstlicher Ersatz für die Leistungen der Natur in Bezug auf Ästhetische Werte (Schönheit, Landschaftsbild) und Erholungswerte geschaffen werden. Viele Einkommen und Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt von Natur und Landschaft ab: Land- und Forstwirtschaft nutzen tier- und pflanzengenetische Ressourcen.

Der Tourismus ist angewiesen auf schöne und intakte Natur und Landschaft, reagiert aber auch sensibel auf Umweltkatastrophen und Naturzerstörungen. Die Tourismuswirtschaft zählt zu den wirtschaftlich am stärksten wachsenden Branchen. In Europa können nach Schätzungen der Europäischen Kommission bis 2010 zwischen 2,2 und 3,3 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze im Tourismus geschaffen werden. Nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung arbeiten in Deutschland knapp 3 Millionen Beschäftigte in Bereichen, die dem Tourismus zuzurechnen sind.

Naturerfahrung und -erlebnis sind wichtige Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung. Positive Naturerfahrungen stärken das Lebensgefühl, schulen die sinnliche Wahrnehmung und das Ästhetische Empfinden, vermindern Aggressivität, fördern Aufmerksamkeit, Konzentration und Wahrnehmungsfähigkeit sowie die Ausbildung motorischer Fähigkeiten. In einem Jahrtausende langem Prozess hat der Mensch gelernt, die natürliche Welt zu erkennen und sich mit seinen Sinnen an sie anzupassen.

Beim Kind zeigt sich das z. B., wenn es im Flussbett Rinnsale umleitet oder aus Ästen Hütten baut. Die ungestaltete freie Natur kommt diesem Gestaltungsdrang besser entgegen als alles vom Menschen künstlich Hergestellte. Kinder schätzen verwilderte Räume, die sie mit allen Sinnen und auch emotional erfahren sowie nach ihren Vorstellungen gestalten können.

Naturerfahrungen und -erlebnisse sind auch für Erwachsene unverzichtbar bei der Gestaltung der Freizeit und für die Erholung. So ist z. B. Naturerleben für 42 % der Deutschen, die im eigenen Land Urlaub machen, besonders wichtig. Aber auch im Alltag tragen Natur und Landschaft zur Stärkung der regionalen Identität bei und prägen das Heimatgefühl.

Die Nähe zur Natur ist ein wichtiger Aspekt der Lebensqualität für die Menschen und rangiert auf Platz 4 bei einer vom BMU in Auftrag gegebenen Befragung. Die historisch gewachsene, als harmonisch empfundene Kulturlandschaft in Deutschland mit den in der bäuerlichen Tradition regional entstandenen Landsorten von Obst und Gemüse und landschaftlich angepassten Haustierrassen ist auch eine kulturelle Leistung. Das Bundesobstarten-Sortenverzeichnis enthält 3.250 Apfelsorten – ein Ausdruck regionaler Vielfalt und gleichzeitig auch ein erhaltenswertes Kulturgut.

Neben den genannten ökologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Gründen für die Erhaltung der biologischen Vielfalt gibt es auch ethische Gründe. Welche ethischen Werte vertreten werden, hängt von der jeweiligen Gesellschaft ab, in der sie entwickelt wurden und die sie dann auch prägen. Naturschutzrechtlich sind Natur und Landschaft auch auf Grund ihres eigenen Wertes zu erhalten.

Diese Zielbestimmung greift damit auch die ethischen Gründe für die Erhaltung der biologischen Vielfalt auf. Die Umweltethik beschäftigt sich mit den normativen Fragen eines richtigen Umgangs mit der Natur bzw. der Biodiversität. Es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, ob überhaupt und mit welchen Begründungen der Natur oder zumindest Teilen der Natur ein Selbstwert, d. h. eigene moralische Rechte zugesprochen werden können, die vom Menschen Respekt erfordern.

Die Ressourcenethik bezieht sich auf die Erhaltung von Arten, Genen und Ökosystemen und ist eine nutzenbezogene ethische Position. Hierbei wird unsere Verantwortung zur Erhaltung der Ressourcen für die zukünftigen Generationen thematisiert. Die Tierethik plädiert für den Selbstwert aller leidensfähigen Kreaturen. Die Naturethik letztlich fordert die Anerkennung eines Selbstwertes der Natur.

Kontrovers wird über Ausmass und Reichweite der Verpflichtungen diskutiert. So ist z. B. umstritten, ob allen Lebewesen ein gleichrangiger oder aber je nach Organisationshöhe abgestufter Selbstwert zuzuordnen ist. Insgesamt resultiert daraus eine Verpflichtung, möglichst die gesamte noch vorhandene biologische Vielfalt zu erhalten, es sei denn, es sprechen existenzielle Gründe dagegen wie z. B. bei Viren und Krankheitserregern.