Biodiversität

Pflanzen, Tiere, Pilze und Mikroorganismen reinigen Wasser und Luft und sorgen für fruchtbare Böden. Intakte Selbstreinigungskräfte der Böden und Gewässer sind wichtig für die Gewinnung von Trinkwasser. Die natürliche Bodenfruchtbarkeit sorgt für gesunde Nahrungsmittel.

Dies alles funktioniert nicht mechanisch, sondern läuft in einem komplexen ökologischen Wirkungsgefüge ab. Ökosysteme verfügen über eine hohe Aufnahmekapazität und Regenerationsfähigkeit – aber sie sind nicht beliebig belastbar. Wirtschaft und Gesellschaft sind auf die Nutzung von Natur und Landschaft angewiesen.

Dies gilt selbstverständlich für Land- und Forstwirtschaft, aber auch für Verkehr, Tourismus, Gewerbe und Wohnen. Wie kann unter den Bedingungen einer modernen Industriegesellschaft Schutz und Nutzung der biologischen Vielfalt so gestaltet werden, dass die Vielfalt der Arten und Naturräume erhalten wird und das gesellschaftliche und wirtschaftliche Interesse an einer angemessenen Nutzung realisiert werden kann? Die optimale Verknüpfung der beiden Seiten ist eine Schlüsselfrage der nachhaltigen Entwicklung.

Auf den weltweit zu beobachtenden alarmierenden Rückgang der biologischen Vielfalt hat die Wissenschaft bereits in den 1970er Jahren hingewiesen. Durch den Verlust an Arten, Genen und Lebensräumen verarmt die Natur und die Lebensgrundlagen der Menschheit werden bedroht. Verloren gegangene Biodiversität lässt sich nicht wieder herstellen – der Verlust ist irreversibel.

Die Völkergemeinschaft hat erkannt, dass das Problem sehr komplex ist und nicht durch isolierte Naturschutzaktivitäten gelöst werden kann. Es geht um
• den Schutz von Lebensräumen und den Schutz von wildlebenden Tieren, Pflanzen, Pilzen und Mikroorganismen,
• die nachhaltige Nutzung von wildlebenden und gezüchteten Arten sowie deren genetische Vielfalt,
• die Zugangsmöglichkeiten zu den genetischen Ressourcen der Welt, die gerechte Verteilung der Vorteile aus der Nutzung dieser genetischen Ressourcen und um dadurch insbesondere verbesserte Entwicklungschancen für die Ärmeren, aber biodiversitätsreichen Länder.

Deshalb wurde das &Übereinkommen über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD) geschaffen und auf der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung (UNCED) 1992 in Rio de Janeiro beschlossen. Dieses Übereinkommen ist keine reine Naturschutzkonvention, es greift die Nutzung – und damit das wirtschaftliche Potenzial der natürlichen Ressourcen – als wesentlichen Aspekt der Erhaltung der biologischen Vielfalt auf. Zudem regelt es die Zusammenarbeit zwischen den Industrieländern, wo sich ein Grossteil des technischen Wissens für die Nutzung der biologischen Vielfalt befindet, und den Entwicklungsländern, wo der Grossteil der biologischen Vielfalt der Welt vorkommt und wertvolles traditionelles Wissen für die Nutzung vorhanden ist.

Beim Übereinkommen über die biologische Vielfalt geht es um die Wahrung der Lebensgrundlagen künftiger Generationen. Dem Übereinkommen über die biologische Vielfalt sind inzwischen 189 Staaten und die Europäische Gemeinschaft beigetreten. Deutschland hat das &Übereinkommen 1993 ratifiziert.
Für die Bundesregierung hat die Erhaltung der biologischen Vielfalt durch Schutz und nachhaltige Nutzung eine hohe Priorität. Deutschland hat sich bei der Entwicklung des Übereinkommens stark engagiert und bringt sich bei dessen Fortentwicklung durch vielfäl tige Initiativen aktiv ein. 2008 ist Deutschland Gastgeber der 9. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt.

Gesellschaftliches Bewusstsein: Eine nachhaltige Entwicklung kann nicht einfach vom Staat verordnet werden. Nach aktuellen Umfragen im Auftrag des BMU möchten 93 % der Befragten den Schutz der landschaftlichen Schönheit und Eigenart unserer Heimat gewährleistet wissen. 93 % der Befragten finden es wichtig, dass für einen wirksamen Umwelt- und Naturschutz gesorgt wird. Dennoch ist die Gefährdung der biologischen Vielfalt nach wie vor sehr hoch.

Gefährdungslage: Deutschland beherbergt auf Grund seiner Lage in Mitteleuropa, die von den Eiszeiten beeinflusst wurde, natürlicherweise nicht so viele Arten wie z. B. tropische Länder. Bei uns kommen ca. 9.500 Pflanzen- und 14.400 Pilzarten und ca. 48.000 Tierarten (insgesamt etwa 4 % des Weltbestandes der bisher bekannten noch lebenden Fauna) vor. Manche Arten sind schon vor langer Zeit ausgestorben oder in neuerer Zeit erloschen (bei den Säugetieren z. B. der Elch (18. Jh.), der Braunbär (19. Jh.) oder Mitte des 20. Jh. die Alpenfledermaus).

In Deutschland ist vor allem die Gefährdung von Arten sowie die Beeinträchtigung oder Zerstörung von Lebensräumen ein erhebliches Problem, mit dem gleichzeitig eine Verarmung und Nivellierung von Natur und Landschaft einhergeht. Von den einheimischen rund 3.000 Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands sind nach der aktuellen Roten Liste 26,8 % bestandsgefährdet (und 1,6 % ausgestorben oder verschollen). Von den einheimischen Tierarten Deutschlands sind 36 % bestandsgefährdet (und 3 % ausgestorben oder verschollen).

Von den in Deutschland vorkommenden Lebensräumen sind 72,5 % gefährdet. Deutschland erreicht mit diesen Gefährdungsraten mit die höchsten Werte in Europa. Die Gründe für die Gefährdung von Arten in Deutschland sind hinreichend untersucht:

• Unmittelbare Zerstörung und Zerschneidung von Lebensräumen (Siedlungsbau, Verkehrslinien, Abgrabungen, Flurbereinigungen, Trockenlegungen, Verfüllen von Gewässern, Nutzungsänderungen in Land- und Forstwirtschaft). In den Jahren 2001 bis 2004 wurden täglich 115 ha für Siedlungs- und Verkehrszwecke neu in Anspruch genommen. Die Siedlungs- und Verkehrsfläche erhöhte sich in diesem Zeitraum um insgesamt 1.682 km2. Unzerschnittene verkehrsarme Räume von mindestens 100 km2 Grösse kommen nur noch auf 23 % der Landesfläche vor (NRW: 3 %, MV: 54 %). Damit ist der Lebensraum für wildlebende Arten erheblich eingeschränkt.
• Intensive Flächennutzung in der Landwirtschaft (hierzu gehören u. a. Pflanzenschutzmassnahmen, Düngung, mehrfache jährliche Mahd, Einsatz von Kleintiere gefährdenden Mähgeräten, Entwässerung von Feuchtwiesen und Niedermooren, Umwandlung von Grünland in Äcker, zu hoher Viehbesatz).
• Aufgabe der landwirtschaftlichen Nutzung von Ökologisch wertvollen Grenzertragsstandorten (z. B. Magerrasen, Bergwiesen, Heiden, Feucht- und Nasswiesen).
• Lokale Defizite bei der Waldbewirtschaftung (der zu geringe Anteil von Alters- und Zerfallphasen sowie von Höhlenbäumen und Totholz, strukturarme Bestände, nicht standortgerechte Baumarten, unangepasste Forsttechnik und Holzernteverfahren).
• Wasserbau (Begradigung von Fliessgewässern, technischer Hochwasserschutz, Wasserstandsregulierungen und Stauhaltung von Fliessgewässern und Wasserstrassen, Nivellierung von Flussbett- und Uferstrukturen durch Ausbau, Aushub und Verbauung).
• Eintrag von Schad- und Nährstoffen (Trotz er - reich ter Emissionsminderungen sind die Säure und Stickstoffeinträge durch Luftverunreinigungen in die Waldökosysteme immer noch so hoch, dass sie das natürliche Säurepufferungsvermögen bzw. Stickstoffaufnahmevermögen der meisten Waldstandorte überschreiten. Die Belastungsgrenze für eutrophierende Stoffe wird auf rund 90 % der Waldfläche überschritten.)
• nicht nachhaltige Praxis von Fischerei (z. B. überfischung, unselektive oder zerstörend wirkende Fischereipraktiken, Besatz von Gewässern mit nicht standortheimischen Arten).
• naturbelastende Freizeitnutzungen (auch Natursportarten, wenn sie nicht naturverträglich ausgeübt werden).
• Klimawandel (man geht davon aus, dass in Europa die durchschnittlichen Temperaturen bis 2100 im Vergleich zu 1990 um zwischen 2 °C und 6,3 °C ansteigen werden. Dies würde tief greifende Auswirkungen auf die biologische Vielfalt, z. B. die Verteilung, die Migration und die Reproduktionsmuster, haben).
• invasive gebietsfremde Arten.

Eine besondere Verantwortung hat Deutschland für die Erhaltung von
• Arten, die in Deutschland oder Mitteleuropa endemisch sind, also nur hier vorkommen,
• Arten, die in Deutschland oder Mitteleuropa ihren weltweiten Verbreitungsschwerpunkt haben,
• wandernden Arten, von denen bedeutende Teile der Weltpopulation in Deutschland rasten oder überwintern,
• in Deutschland und angrenzenden Gebieten stark gefährdete oder vom Aussterben bedrohte einheimische Arten sowie
• ausschliesslich oder schwerpunktmässig in Deutschland vorkommende Lebensräume und Ökosysteme.